Caroline Bayer

Thomas HeydenEröffnungsrede zur Ausstellung Zeichen & Wunder

Vom Wunder zum Zeichen, auch wenn damit natürlich nicht das Vorzeichen gemeint ist, sondern nur jenes semiotische Element, das in einer endlosen Kette auf immer andere Zeichen verweist, ohne jede Aussicht auf Erlösung, wie sie das Vorzeichen noch am Horizont der Geschichte aufleuchten ließ. Vom Untergang einer solchen teleologischen Metaerzählung handelt der Ausstellungsbeitrag von Caroline Bayer. Die ursprünglich aus dem Rheinland stammende und heute in Berlin lebende Künstlerin ist an der Karl-Marx-Allee auf Spurensuche gegangen. Die Objekte ihres Interesses heißen KMA 1, KMA 5-11 sowie KMA 19-25. Es handelt sich um Gebäude des zweiten Bauabschnitts der Karl-Marx-Allee, die bis November 1961 Stalinallee hieß. Städtebauliche Prinzipien des 1. Abschnittes wurden beibehalten, doch die stalinistische Formensprache erfuhr eine modernistische Ernüchterung. Damit die Hauptstadt der DDR wie eine echte Metropole daherkam und neben Kudamm und Tauentzien nicht allzu sehr im Dunkel absoff, durfte Leuchtreklame auf den flachen Dächern nicht fehlen. Mit der Wende kam das Aus für die leuchtenden Schriftzeilen. Geblieben sind die Metallkonstruktionen, die die Neonbuchstaben einst trugen. Wenn die Dinge sterben, atmen sie ein Übermaß an Aura aus, der die Künstler verfallen. Caroline Bayer photographierte und dokumentierte diese Leuchtschrifthalterungen auf den Dächern und rekonstruierte sie für freistehende skulpturale Arbeiten. Unter den verlorenen Schriftzeichen legt sie eine tiefere Zeichenebene frei, fast so, als könnten wir durch die „Parole“ hindurch auf die „Langue“ blicken. In den an konstruktivistische Kompositionen erinnernden Gerüsten glauben wir die Moderne samt all ihren zerstörten Träumen und zerstobenen Utopien entziffern zu können. 

„Ist die Moderne unsere Antike?“ hatte Roger Buergel mit der documenta 12 gefragt. Die Ruinenstätten des Sozialismus liefern reichlich archäologisches Material, um dieser Frage künstlerisch nachzugehen. In der Sammlung des Neuen Museums gibt es mit Raffael Rheinsbergs „Toten Neon“ das materielle Pendant zu Caroline Bayers hier gezeigter Arbeit: dort die Leuchtbuchstaben von HO-Läden in Ost-Berlin, da die Schriftstellagen aus der Karl-Marx-Allee. Was beide Künstler darüber hinaus eint, ist ihr Vorgehen. Aus einer zunächst rein ästhetischen Entdeckung wird eine auf allerlei historisches Quellenmaterial gestützte Expedition in die Vergangenheit einer Zukunft, die Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit versprach, doch in Totalitarismus erstarrte. Die Herrschaft des SED-Staates basierte auf totaler Kontrolle. Das 1968 bis 1970 erbaute Haus der Statistik bildete zusammen mit dem gegenüberliegenden Haus des Lehrers den Abschluss der Karl-Marx-Allee Richtung Alexanderplatz. Die Fassade dieses zum Abbruch bestimmten Gebäudes übersetzt Caroline Bayer in eine Wandzeichnung, die an De-Stijl-Ästhetik, insbesondere an Bart van der Leck erinnert. Das modernistische Fassadenraster verspricht Rationalität, durchaus passend zum Zweck des Gebäudes, doch gleichzeitig bringt es den Herrschaftsanspruch und die Gleichmacherei des Arbeiter- und Bauernstaates zum Ausdruck. Noch einmal taucht das Gebäude draußen im Gang auf. Diesmal als Grundriss aus dem Katasteramt, den Caroline Bayer in ein Nasenschild verwandelt. Über diese Urform der Werbung – man denke nur an das in den Straßenraum ragende Wirtshausschild – schließt sich der Kreis zu den verloren gegangenen Werbebotschaften der Karl-Marx-Allee. Und ganz nebenbei verwandelt die Künstlerin den Gang im Kunsthaus in ein Stückchen öffentlicher Straße.

Ruppe KopselleckMetropolis

Anja BauerRaumzeichnungen

URS BUGMANN citygrid

DR. FRITZ EMSLANDERWandnahmen

Westfälische NachrichtenCaroline Bayer im toma.