Caroline Bayer

Ruppe KopselleckMetropolis

Anja BauerRaumzeichnungen

URS BUGMANN citygrid

DR. FRITZ EMSLANDERWandnahmen

Westfälische NachrichtenCaroline Bayer im toma.

HANS-JÜRGEN SCHWALMSchwarze Linien | Die Architekturzeichnungen von Caroline Bayer

„Die Logiker zeichnen Kreise, die sich überschneiden oder ausschließen, und sofort sind alle Regeln klar. Der Philosoph denkt, wenn er Drinnen und Draußen sagt, an Sein und Nichtsein. Die tiefste Metaphysik hat ihre Wurzeln in einer unausgesprochenen Geometrie, und diese Geometrie – ob man es will oder nicht – verräumlicht den Gedanken; würde der Metaphysiker denken, wenn er zeichnete?“1

Eine knappe, tiefschwarze Zeichnung auf der Wand. Gerade Linien und der rechte Winkel dominieren – die strenge Konstruktion einer auf Horizontale und Vertikale basierenden Geometrie. Andererseits zerren immer wieder perspektivische Schrägen an den die Fläche verspannenden Linienzügen, lassen Volumina assoziieren (Kuben und Quader etwa, die ein wenig an Baukastensteine erinnern) und verräumlichen das lineare Bild: Ein unser Sehen immer auch überfordernder Illusionismus, der häufig genug „ins Leere läuft“, da er entscheidende, die Projektion der Formen klärende Perspektivlinien unterschlägt. Schnell identifiziert man die Umrisse anspruchsloser Architekturen, Gebäudefragmente zwar nur, unspektakuläre Ausschnitte, doch sprechend genug, dass sie unser Blick mühelos und wie von selbst komplettiert. Architekturen „von der Stange“, nichtssagende, farblose Bauten aus den Musterbüchern bundesdeutscher Häuslebauer, die sich aber mit der Macht des Immergleichen längst in unser bildhaftes Erinnern eingedrückt haben.

Dabei verrät die Linie in der Zeichnung keine Handschrift, zeigt in ihren Verläufen keinerlei Modulation oder Fraktur und lässt eine persönliche Interpretation weder der Technik noch des dargestellten Gegenstands erkennen. Stattdessen ist sie reine Konstruktion, anonym, sachlich und deskriptiv. Denn Caroline Bayer klebte sie, wie man bei näherem Hinsehen überraschend feststellt, als geschwärztes Band von der Rolle auf die Wand (entlang einer exakten Graphitzeichnung, die den Betrachter als im doppelten Sinne des Wortes maßgebend einbezieht). Das Lineament verspannt die Koordinaten des Ausstellungsraums: rechts und links, oben und unten, waagerecht und senkrecht, vorne und hinten. Dadurch aber lässt sie sich auf einen spannungsvollen Dialog mit der vorgefundenen Architektur ein, auf eine Zwiesprache, die das Raumerlebnis des Rezipienten – und das meint immer auch dessen leibliche Selbsterfahrung – in den Mittelpunkt stellt.

Caroline Bayer setzt sich sensibel mit dem Raum auseinander, für den und in dem sie arbeitet. Stets bilden dessen spezifische Bedingungen den Ausgangspunkt ihrer Wandbilder. Sie spürt seine Atmosphäre auf, die Stimmung, die zwischen seinen Wänden herrscht, und antwortet darauf mit einem abstrahierten architektonischen Bild, das immer auch „Gegenbild“ sein kann; eine einfühlsame Bestandsaufnahme ebenso wie ein bisweilen ironischer Kommentar. So verfremden diese zeichnerischen Interventionen bislang eindeutig definierte Orte, umspielen und interpretieren sie, um ein anderes, neues Sehen und Erleben der räumlichen Situation zu provozieren. Der Raum ist nicht einfach nur Bildträger, sondern der Fluchtpunkt einer genauso sinnlichen wie reflexiven Auseinandersetzung. Mit sparsamen Mitteln entwirft Caroline Bayer Raumbilder, die keine materiellen Spuren hinterlassen und dennoch einen Ort nachhaltig verändern. Möglicherweise wird ihn niemand je wieder so anschauen, wie vor den Eingriffen der Künstlerin, so zurückhaltend diese auch sein mögen.

Formale Akribie – mit dem Maßband wie auch mit Augenmaß verwirklicht – und Intuition sind zwei unterschiedliche und sich doch bedingende Aspekte ihrer künstlerischen Arbeitsweise. Unter dieser doppelten Prämisse sind Caroline Bayers Wandbilder im wahrsten Sinne des Wortes „gebaut“: Bei ihren Streifzügen durch die urbanen Unorte unserer heutigen Stadtlandschaften fotografiert sie mit Vorliebe Allerweltsarchitekturen, das gebaute Einerlei der Moderne, austauschbar, phantasie- und ortlos. Dieses fotografische Material bildet einen unerschöpflichen Fundus für kleinformatige Zeichnungen auf Papier, die jedes Motiv in knappe, disziplinierte Formen übersetzen, es gleichsam bereinigen und zu zeichenhafter Signifikanz treiben – frei von jedem erzählerischen Detail, befreit aber auch aus seiner Ursprungssituation im verbauten Irgendwo unserer Städte. Die kleinen Graphitzeichnungen reduzieren die gebaute Architektur auf ihr konstruktives Gerüst, ein Lineament, das nur wenige Identifikationsmomente bietet: Hauskanten und –ecken, Fenster, die bisweilen zu schwarzen Löchern mutieren, Balkons mit vorkragenden Brüstungen und Treppen, die zu namenlosen Türen führen oder im Nichts enden. Doch erst die Verknappung des Motivs auf wenige Linien ent- und verführt die Vorstellungskraft des Betrachters und wird zur Projektionsfläche seiner Phantasie. Caroline Bayers Papierarbeiten aber sind die Vorlage für alle großformatigen Zeichnungen auf der Wand.

Wie schon das kleine Format spielen auch sie mit der Negation der plastischen Materialität, der architektonischen Form und setzen sie doch voraus. Sie reizen eine diffuse Entgrenzung des Wand-, besser: Bildfeldes aus und lassen es räumlich vibrieren. Fläche und Raum, Materialität und immaterielle Auflösung bilden das Spannungsfeld dieser Bilder. Caroline Bayer spannt sie wie eine durchsichtige Haut über die Wand, wie eine dünne Membran, unter der die Architektur ihre Eindeutigkeit einbüßt und sich der Raum illusionistisch öffnet. Sie transzendiert seine architektonischen Grenzen, lässt Bild- und Realraum uneindeutig verschmelzen und sich gegenseitig relativieren. Ecken und Winkel erweitern plötzlich das Ausstellungsareal, Zwischenräume verunklären dessen bislang gültige Grenzen, und Wandöffnungen holen das Draußen nach drinnen. Unser Blick tappt bereitwillig in jede dreidimensionale Falle; er verfängt sich in einer von Kunst definierten Welt, in der sich Realität und Illusion für einen kurzen Moment ununterscheidbar verweben und ein neues Raumerlebnis hervorrufen. Eingeübte Wahrnehmungsmuster brechen schlagartig auf. Auf einmal blickt der Betrachter nicht nur auf die Zeichnung, sondern steht in ihr: Caroline Bayer drängt ihn sanft aus seiner gewohnten Rolle und macht ihn zum Mitspieler ihrer künstlerischen Interventionen. Beinahe wie von selbst lässt er sich vom ästhetischen Illusionismus der Wandbilder gefangen nehmen und begreift sie als Ereignis, das ihn mit allen Sinnen beansprucht, das sein Sehen, Denken und Empfinden gleichermaßen inspiriert.

In seinem bereits zitierten Buch Poetik des Raums reflektiert Gaston Bachelard auch über „glückliche Räume“ und bringt es auf den Punkt: „Der von der Einbildungskraft erfasste Raum kann nicht der indifferente Raum bleiben, der den Messungen und Überlegungen des Geometers unterworfen ist. Er wird erlebt. Und er wird nicht nur in seinem realen Dasein erlebt, sondern mit allen Parteinahmen der Einbildungskraft. Im Besonderen ist er fast immer anziehend.“2 So büßt ein von der Phantasie eroberter Raum sein selbstverständliches Funktionieren ein und verwandelt sich in einen Ort, der erlebt werden muss, der unsere Sinne beflügelt und Platz für Assoziationen bietet, in einen Existenzraum, in dem wir uns selbst erleben, in einen Raum, der gleichzeitig verbildlicht, uns als Bild gegenübertritt und dabei Bilder entwirft, die uns aus unserem Alltag vertraut erscheinen und unsere Wahrnehmung doch immer wieder auf den Kopf stellen können.

1 Gaston Bachelard, Poetik des Raums, Frankfurt a. M. 1987, S. 211
2 ebd., S. 23 ff